Sven Baumgarten hält auf einer KSB-Veranstaltung vor Publikum eine Präsentation.
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„Im Nahen Osten und Afrika ist Vertrauen oft wichtiger als Preis und Technik.“

 
Sven Baumgarten leitet von Dubai aus den geografisch größten KSB-Markt: Die Region Mittlerer Osten, Afrika und Zentralasien ist ein Gebiet mit 80 Ländern und fast zwei Milliarden Menschen mit einem stark wachsenden Bedarf an Wasser, Energie und Infrastruktur. Im Interview mit „Stream of Stories“ spricht er über die Wachstumsmärkte in Afrika und im Mittleren Osten, den Umgang mit Krisen und Konflikten – und warum Vertrauen und lokale Präsenz in seiner Region entscheidend sind.
Stream of Stories: Herr Baumgarten, Sie sind nach einer langen Karriere bei KSB 2015 nach Johannesburg gegangen, um KSB in Südafrika zu leiten. Da waren Sie 49 Jahre alt. Warum dieser späte Wechsel ins Ausland?
Sven Baumgarten: Es war schon immer mein Wunsch, ins Ausland zu gehen. Außerdem wollte ich seit Langem eine Geschäftsführertätigkeit übernehmen. Bei KSB in Frankenthal hatte ich zwar einen Bereich mit über 200 Mitarbeitern geleitet. Aber es ist etwas anderes, wenn Sie eine eigene Firma führen. KSB Südafrika ist keine Abteilung, sondern ein in sich geschlossenes Gebilde: ungefähr 500 Mitarbeiter, eine Fabrik, Service, verschiedene Niederlassungen im Land. Das war für mich unheimlich interessant.
Kannten Sie Afrika damals schon?
Nein, ich bin einfach hingeflogen – und von der ersten Minute an wusste ich: Das ist genau das, was ich möchte. Bei Afrika gibt es zwei Typen Menschen: Die einen mögen es sofort, den anderen bleibt es eher fremd. Ich gehörte definitiv zu denen, die es sofort toll fanden. Jedes Mal, wenn ich in Johannesburg am Flughafen ankomme, ist es ein besonderes Gefühl für mich: Es riecht nach Natur und das Wetter ist super.
Heute leben und arbeiten Sie in Dubai und sind für ein viel größeres Gebiet zuständig als Südafrika, nämlich die Region Mittlerer Osten, Afrika und Zentralasien. Können Sie uns dieses Gebiet etwas beschreiben? 
Insgesamt umfasst die Region 80 Länder: alle Länder des afrikanischen Kontinents, den Mittleren Osten und Zentralasien. Von West nach Ost reicht sie von Marokko bis Pakistan, von Süden nach Norden von Südafrika bis Russland. Das sind knapp zwei Milliarden Menschen. Wir haben in der Region 18 KSB-Gesellschaften. Südafrika ist noch immer die größte. Weitere große Gesellschaften mit Fabriken haben wir außerdem in der Türkei, in Saudi-Arabien und in Pakistan. Knapp 2.000 Menschen arbeiten in der Region für KSB.

80 Länder im Blick: Sven Baumgarten

Sven Baumgarten blickt auf eine fast 30-jährige Laufbahn bei KSB zurück. Nach dem Studium des Maschinenbaus startete er 1997 in der Forschung und Entwicklung in Frankenthal. 2005 wechselte er in den Vertrieb von Pumpen für den Nuklearbereich. 2015 folgte der Sprung ins Ausland: Als Geschäftsführer übernahm er die Leitung von KSB Südafrika in Johannesburg. Seit Juni 2019 führt er von Dubai aus die Region Mittlerer Osten, Afrika und Zentralasien – eine der geografisch größten und vielschichtigsten Regionen von KSB.
Porträt von Sven Baumgarten
2025 wuchs der Umsatz in Ihrer Region um 7,6 Prozent. Sie hatten damit das stärkste prozentuale Wachstum von allen KSB-Regionen. Woran liegt das?
Das lag in den letzten Jahren vor allem an Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Dort haben wir Zuwächse bei Projekten rund um das Thema Wasser: Wasserversorgung, Abwasserentsorgung, Entsalzungsanlagen und Wassertransport. KSB ist traditionell stark in diesem Bereich.
Dann haben wir ein weiteres starkes Standbein im Öl- und Gasgeschäft. Saudi-Arabien ist da natürlich weltweit Nummer eins, aber auch die Emirate und Nordafrika sind stark. Außerdem ist Mining ein wichtiges Feld – vor allem auf dem afrikanischen Kontinent, aber auch in Saudi-Arabien und Zentralasien.
Zudem ist das Geschäft in Afrika und anderen Teilen der Region gut gelaufen, weil viel in Infrastruktur investiert werden muss. Der Nachholbedarf ist deutlich größer als in Europa. Es gibt hier, besonders in Afrika, starkes Bevölkerungswachstum und einen entsprechend großen Bedarf an Energie, Wasser und Infrastruktur.
Was muss man beachten, wenn man aus Europa kommt und ein Unternehmen in Afrika oder dem Nahen Osten führen will?
Grundsätzlich braucht man mehr Flexibilität. Die Dinge ändern sich hier schneller als in Europa und vieles ist weniger berechenbar.
Zudem braucht man Einfühlungsvermögen. In vielen Ländern Afrikas und auch im Mittleren Osten basiert ein Vertragsabschluss stärker auf Beziehungen und Vertrauen – nicht nur auf Fakten. Viel Geschäft entsteht darüber, wie lange man sich kennt, ob man Vertrauen aufgebaut hat. Erst in zweiter Instanz geht es um Preis und Technik. Am Ende wird dort gekauft, wo Preis und Leistung stimmen. Aber zuerst müssen Sie eine tiefe Kundenbeziehung aufbauen und pflegen. 
„Wir haben hier in Dubai 20 Nationalitäten, die harmonisch zusammenarbeiten.“ 
Sven Baumgarten
Porträt von Sven Baumgarten
Was sind die größten Herausforderungen in Ihrer Region?
In kaum einer Region gibt es derart viele Konflikte. Damit müssen wir umgehen können. Grundsätzlich sind wir neutral, stellen friedliche Produkte her, halten uns aus politischen Konflikten raus und beachten alle Regularien und Sanktionen.
Trotzdem ist es vor diesem Hintergrund eine Herausforderung, wirtschaftliche Stabilität zu schaffen. Wir können nicht beeinflussen, wann Krisen ausbrechen. Aber wir können unsere Gesellschaften und Partner stabilisieren. Daher gründen wir zum Beispiel gerade eine Gesellschaft im Irak. Wir wollen zeigen, dass wir langfristig vertreten und verlässlich sind – und nicht schnell ein Exportgeschäft machen wollen, um dann zu verschwinden.
Eine weitere große Herausforderung ist es, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Das Ausbildungssystem ist in vielen Ländern nicht so strukturiert und breit aufgestellt wie in Deutschland. Daher fehlt in der Region der Mittelbau an gut ausgebildeten Menschen für Büro oder Werkstatt. Oft habe ich gut ausgebildete Finanzleute oder Ingenieure – aber Facharbeiter oder Industriemechaniker fehlen. Die Förderung unserer Mitarbeiter ist daher extrem wichtig. Wir bilden die Leute selbst aus, machen eigene Schulungen und setzen auf Jobrotation, um sie weiterzuentwickeln. Das kommt bei den Menschen in der Region auch sehr gut an.
Ihr Wohn- und Arbeitsort, Dubai, ist gerade vom Konflikt zwischen den USA und dem Iran betroffen. Wie erleben Sie die Situation vor Ort?
Die Lage ist schon sehr außergewöhnlich. Bis zum Waffenstillstand im April gab es hier die absurde Situation, dass regelmäßig Drohnen unterwegs waren. Allerdings ist die Luftabwehr der Vereinigten Arabischen Emirate sehr gut aufgestellt. Aus Sicherheitsgründen arbeiten unsere Mitarbeiter in Dubai derzeit im Homeoffice. In Abu Dhabi ist das so nicht möglich, weil wir dort einen Servicestandort mit Werkstatt betreiben.
Wirtschaftlich spüren wir die Situation in den Emiraten deutlich, weil aktuell keine Exporte über den Hafen Dschabal Ali möglich sind. Die Straße von Hormus ist weiterhin blockiert. Dadurch ist der Warenverkehr erheblich eingeschränkt, und das wirkt sich unmittelbar auf unser Geschäft aus.
Team von KSB Middle East in Dubai mit Mitarbeitenden verschiedener Nationalitäten in einem modernen Bürogebäude.

Das Team von KSB Middle East: An kaum einem KSB-Standort arbeiten Menschen aus so vielen unterschiedlichen Nationen zusammen wie in Dubai. 

Früher sahen deutsche Unternehmen in Afrika und dem Mittleren Osten vor allem Exportmärkte. Warum reicht dieses Modell heute nicht mehr aus?
Diese Zeiten sind nicht vorbei, aber der Ansatz hat sich stark verändert. Heute gilt in immer mehr Ländern: Local for Local. Saudi-Arabien ist das Paradebeispiel. Dort will man lokal produzieren, nicht einfach nur importieren. Unsere KSB ist in Saudi-Arabien so erfolgreich, weil wir dort eine Fabrik haben.
Natürlich können Sie nicht in jedem Land einen Produktionsstandort haben. Aber es fängt damit an, dass Sie nicht am Montag aus Frankfurt nach Tansania fliegen, dort Geschäfte machen und am Mittwoch wieder zurückfliegen. Sie müssen präsent sein – idealerweise mit einer eigenen Firma, lokalen Mitarbeitern und einer Servicewerkstatt. So können Sie Vertrauen aufbauen und Kunden zeigen: Wenn etwas kaputtgeht, dann kommt jemand aus ihrem Land, der ihre Sprache spricht – nicht irgendwann jemand aus Europa.
An kaum einem KSB-Standort arbeiten Menschen aus so vielen unterschiedlichen Nationen zusammen wie Dubai. Wie erleben Sie das Arbeiten in einer so multikulturellen Umgebung?
Wir haben hier fast 20 verschiedene Nationalitäten. Traditionell arbeiten in Dubai viele Inder, Pakistanis und Filipinos. Dazu kommen Europäer, Marokkaner, Ägypter, Südafrikaner, Kenianer und zahlreiche andere – ein sehr buntes Gemisch. Und es ist immer wieder interessant, wie friedlich diese Nationalitäten hier zusammenleben. Das liegt zunächst einmal am Land selbst. Etwa 90 Prozent der Menschen in den Emiraten sind Gastarbeiter. Sie leben hier, weil es ausreichend Jobs und Entwicklungsmöglichkeiten gibt – wenn man die Regeln akzeptiert. Stört man das Zusammenleben, ist man schnell wieder draußen.

Aber natürlich hat auch die KSB-Kultur damit zu tun. Wir sind als Unternehmen unpolitisch und haben keine Vorbehalte – egal, ob jemand aus Kenia, Pakistan, Frankreich oder Italien kommt. Wir sind hier eine Familie.
Was würden Sie vermissen, wenn Sie nach Deutschland zurückkehren würden?
Die kulturelle Vielfalt in der Region werde ich definitiv vermissen. Auch, dass ich hier viel reisen kann – und muss – und dadurch viel Kontakt zu Kollegen aus unterschiedlichsten Nationen und Kulturen habe. Das macht mir viel Freude.

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