
„Cyberattacken sind das Damoklesschwert Nummer eins.“
Was sind die wichtigsten Szenarien, auf die Sie sich vorbereiten?
Cyberattacken sind de facto das Damoklesschwert Nummer eins. Als große Gefahr sehe ich aber auch Naturereignisse, die ganze Werke außer Betrieb setzen können. Im KSB-Werk in La Roche-Chalais in Frankreich hat 2022 zum Beispiel ein Hagelsturm in weiten Teilen des Werkes sehr große Schäden verursacht. Etwas Ähnliches hatten wir 2024 in den USA: Dort ist tatsächlich ein Hurrikan in einem Gebiet aufgetaucht, in dem noch nie einer aufgetreten ist. Selbst wenn solche Stürme ein Werk nicht massiv beschädigen, können sie doch Stromausfälle und andere elementare Schäden verursachen, die das öffentliche Leben lahmlegen. Dadurch kann dann auch das Werk nicht mehr produzieren. Es braucht aber nicht immer eine Naturkatastrophe: In Südafrika beispielsweise stellt der Versorger hin und wieder einfach den Strom ab. Auch Lieferketten sehe ich gerade im Moment sehr kritisch. Schließlich ist auch ein Ausfall der Mitarbeiter ein Szenario, auf das man sich vorbereiten muss. In Dubai hatten wir gerade die Situation, dass Angestellte aufgrund der Bedrohungslage während des Krieges gegen den Iran eher in sicheren Zonen bleiben sollten. Die Auswirkungen einer Pandemie kennen wir ebenfalls alle.
Wie weit sind Sie bei der Umsetzung?
Beim Rahmenwerk sind wir schon sehr weit. Jetzt geht es um Inhalte. Die erarbeiten wir zunächst mithilfe einer Business-Impact-Analyse. Dazu haben wir uns alle globalen Prozessketten vorgenommen und haben dann Interviews mit Mitarbeitern nach einem vorgegebenen Leitfaden durchgeführt. Wesentliche Fragen waren dabei beispielsweise: Gibt es IT-Systeme oder Anwendungen, die ihr dringend braucht, ohne die ihr nicht arbeiten könnt? Wie lange, glaubt ihr, könnt ihr ohne ein ERP-System arbeiten? Gibt es Personen, die so wichtig sind, dass der gesamte Prozess stehen bleibt, wenn sie morgens nicht zur Arbeit kommen? So haben wir für die wesentlichen Prozessketten ein erstes Gesamtbild gewonnen – als Grundlage, um jetzt gezielt Absicherungen zu definieren und „Plan B“-Szenarien aufzubauen.

Eine durch Hagel beschädigte Lagerhalle von KSB in La Roche-Chalais: Löcher in der Decke, Wasser auf dem Boden und verstreute Trümmer prägen das Bild.
Wie stellen Sie sicher, dass der Business-Continuity-Plan nicht einfach zu einem Dokument wird, das im Schrank verstaubt?
Die Implementierung als Managementsystem stellt sicher, dass es regelmäßig Reviews und Audits gibt, die den Plan auf dem neuesten Stand halten. Zudem müssen wir regelmäßig üben. Nach der Cyberattacke haben wir damit begonnen, zunächst IT-Notfälle zu trainieren: Dafür haben wir ein Notfallteam benannt, die Beteiligten zu Übungen eingeladen und sie mit realitätsnahen Szenarien konfrontiert, zum Beispiel, dass verschiedene Auffälligkeiten in den Systemen auftreten. Und dann haben wir von außen beobachtet, wie sie mit der Lage und den Informationen umgehen. Tun sie die Schritte, die wir vorher festgelegt haben? Rufen sie die Kollegen an, die sie anrufen sollten? Die anfänglichen Reaktionen waren sehr unterschiedlich, in jedem Fall steigt selbst in Übungssituationen der Adrenalinspiegel – aber genau dieser Stress ist gewollt, weil die Realität ebenfalls Stress erzeugt. Und mit jeder Übung waren die Teilnehmer gelassener. Je mehr man übt, umso mehr wächst das Vertrauen, dass man in solchen Situationen richtig reagiert. Also üben, üben, üben!
Werden Sie das Business Continuity Management auch weltweit einführen?
Wir starten zwar zentral in Deutschland, aber das Ziel ist natürlich, Business Continuity Management weltweit, insbesondere in den produzierenden Gesellschaften, einzuführen. Dabei muss ich aber betonen, dass es im Konzern bereits Gesellschaften gibt, die schon sehr viel Vorsorge betreiben. In Ländern, in denen Strom oder Lieferanten häufiger ausfallen, bereitet man sich natürlich schon lange auf Notfälle vor. Unsere Gesellschaft in Südafrika hat zum Beispiel Notstromaggregate, Wasser, Bevorratung und redundante Einrichtungen vorsorglich verfügbar. Genau daran wollen wir andocken: voneinander lernen, Lösungen teilen und Doppelarbeit vermeiden. Unsere Aufgabe ist deshalb auch, diese Gesellschaften stärker zu vernetzen und eine Austauschplattform aufzubauen, damit Best Practices schnell verfügbar sind.
Business Continuity Management bringt keinen Umsatz. Ist es daher manchmal schwierig, dafür im Management die nötige Aufmerksamkeit zu bekommen?
Das Management ist an Bord, denn die Sicherheit und Widerstandsfähigkeit des Unternehmens ist bei uns schon lange ein Führungsthema. Schließlich rückt die Verlässlichkeit von Lieferketten auch bei unseren Kunden immer mehr in den Fokus. Business Continuity Management ist da zumindest indirekt wertschöpfend, weil es Kundenvertrauen und Kundenbindung stärkt. Zudem haben wir Regularien zu erfüllen, wie zum Beispiel die NIS-2-Richtlinie, die Unternehmen ab einer bestimmten Größe verpflichtet, verbindliche Vorgaben zur Cybersicherheit umzusetzen. Im Kern geht es bei den Aufwänden für Business Continuity Management um eine Kosten-Nutzen-Entscheidung: Welche Risiken sind wir bereit zu tragen, welche nicht – und was kostet es, Risiken zu reduzieren? Dafür müssen Risiken und Kosten transparent auf dem Tisch liegen. Durch die Methodiken des Business Continuity Managements machen wir das nachvollziehbar.
Beschäftigt Sie das Thema Risiko auch privat – sind Sie inzwischen zum „Prepper“ geworden, der zu Hause Notfallvorsorge betreibt?
Tatsächlich haben wir begonnen, auch zu Hause bewusster eine Notfallvorsorge aufzubauen. Die Nutzung von Photovoltaik und Erdwärme macht uns schon sehr unabhängig. Zudem sind wir aber dabei, auch Vorräte für zwei oder drei Wochen in den Keller zu stellen. Taschenlampen haben wir inzwischen zusätzlich nachgerüstet. Vielleicht bohren wir auch einen Brunnen im Garten. Man weiß ja nie!


